Das Thema Nachhaltigkeit hat für Unternehmen in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung gewonnen. In den meisten Fällen wird vor allem die Nachhaltigkeit in Bezug auf die natürlichen Ressourcen betrachtet, die für die Fertigung des Produktes verwendet oder im Fertigungsprozess verbraucht werden. Diese soll im Folgenden als grüne Nachhaltigkeit bezeichnet werden. Um aber andere Facetten der Nachhaltigkeit zu erfassen, braucht es ein übergeordnetes Konzept. Manfred Moldaschl schlägt hierfür den Begriff der polychronen Nachhaltigkeit vor. Die grüne Nachhaltigkeit ist hier nur eine Facette der Nachhaltigkeit. Daneben existiert die rote, gelbe, violette und schwarze Nachhaltigkeit. Diese vier Formen der Nachhaltigkeit sollen im Folgenden mit dem Pull-Prinzip in Verbindung gebracht werden, um zu zeigen, wie es dabei helfen kann, diese Aspekte der Nachhaltigkeit im Unternehmen zu fördern, um den Erfolg zu sichern.

Das Pull-Prinzip lässt sich durch zwei Aspekte definieren: die Begrenzung der aktuell in Arbeit befindlichen Aufgaben und das Nachziehen von neuen Aufgaben, wenn Kapazitäten frei geworden sind.

Das Push-Prinzip kann ebenfalls anhand der beiden Kriterien definiert werden: Die Anzahl der Aufgaben wird nicht begrenzt und die erledigte Arbeit wird übergeben, ohne darauf zu achten, ob Kapazitäten überhaupt frei sind.

Gerade agile Methoden setzen vermehrt auf das Pull-Prinzip. In Kanban findet durch das sogenannte Work-in-Progress-Limit (WIP-Limit) eines Arbeitsschrittes eine Begrenzung der Arbeit statt. Die Visualisierung wird dabei häufig über ein Kanban Board getätigt. In Scrum legen die Developer fest, welche Aufgaben sie sich für den nächsten Sprint ziehen. Zusätzlich können die 2-4 Wochen-Rhythmen den Entwicklern dabei helfen, die eigene Lieferfähigkeit einzuschätzen und die Menge der Arbeit dementsprechend anzupassen.

Nachhaltigkeit auf allen Ebenen:
Um das Pull-Prinzip mit dem Konzept der polychronen Nachhaltigkeit zu verbinden, sollen die verschiedenen Ausprägungen kurz definiert werden:

Rote Nachhaltigkeit: Diese Form der Nachhaltigkeit bezeichnet die Qualität der Arbeitsbedingungen, die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie sowie die Work-Life-Balance.

Gelbe Nachhaltigkeit: Diese Form der Nachhaltigkeit bezeichnet das Vertrauen sowie die Stimmung der Mitarbeiter des Unternehmens untereinander und das Vertrauen in die Führung der Organisation.

Violette Nachhaltigkeit: Die Form der Nachhaltigkeit bezeichnet die Integration der Mitarbeiter in Entscheidungsprozesse.

Schwarze Nachhaltigkeit: Die Form der Nachhaltigkeit bezeichnet die ökonomische Nachhaltigkeit, die sich vor allem durch Anpassungsfähigkeit an neue Bedingungen, Lieferfähigkeit und langfristige Rentabilität des Unternehmens ausdrückt.

Wie lassen sich nun diese Ebenen der Nachhaltigkeit mit dem Pull-Prinzip verbinden?

Gerade die Limitierung der Arbeit spielt eine wichtige Bedeutung für die rote Nachhaltigkeit. Statt wie im Push-Prinzip immer mehr Arbeit in das System reinzudrücken, wird die Arbeit erst dann nachgezogen, wenn die Mitarbeiter die Kapazitäten haben, um die Arbeit ordentlich zu bewerkstelligen. Hier können Feedbackschleifen helfen, um regelmäßige Anpassungen durchzuführen. Gleichzeitig diszipliniert es auch alle am Prozess Beteiligten, diese Grenzen einzuhalten und hilft dabei, Flaschenhälse im Arbeitsprozess festzustellen, um dort gezielte Maßnahmen zu ergreifen. Hier können dann auch geeignete Schulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen ergriffen werden.

Durch die Limitierung der Arbeit und das Nachziehen von Arbeit findet auch ein wechselseitiger Vertrauensvorschuss der Mitarbeiter und des Managements statt. Das Management vertraut darauf, dass die Mitarbeiter die Begrenzung der Arbeit dafür verwenden, sich ihre Kapazitäten richtig einzuteilen, ihre Arbeit ordentlich fertigzustellen und die Mitarbeiter darauf, dass sich das Management an die WIP-Limits hält und dies auch bei der Auftragsannahme berücksichtigt. Zusätzlich dient das WIP-Limit auch für das Management zur Begrenzung. Statt sich zehn verschiedene Themen zu überlegen, wird sich auf zwei Initiativen fokussiert, die dann auch umgesetzt werden können, statt verschiedenste strategische Projekte im Sand verlaufen zu lassen. Dies ist ein wichtiger Aspekt für den Aspekt der gelben Nachhaltigkeit.

Der Aspekt der violetten Nachhaltigkeit wird durch das Pull-Prinzip nur indirekt unterstützt. Hier braucht es einen Rahmen, der dabei hilft, die Mitarbeiter bei der Entscheidungsfindung zu unterstützen. In Scrum ist das Sprint Review dafür vorgesehen, um eine gemeinsame Entscheidungsfindung der Mitarbeiter und der Stakeholder zu gewährleisten. In Kanban kann dies durch sogenannte Kadenzen unterstützt werden. Auch Liberating Structures können dabei helfen, miteinander zu entscheiden, welche Arbeit als Nächstes angegangen wird. Hier ist vor allem das sogenannte Ecocyle-Planning zu erwähnen. Durch das Pull-Prinzip wird auch der Fokus der beteiligten Personen verändert, weil sie selbst überlegen müssen, mit welchen Kapazitäten sie ein neues Thema angehen möchten.

Das Pull-Prinzip ist für die schwarze Nachhaltigkeit von entscheidender Bedeutung, weil es das Unternehmen auf allen Ebenen dabei unterstützt, sich auf die wertstiftenden Aktivitäten zu konzentrieren. Daneben kann es die Lieferfähigkeit des Unternehmens nachhaltig verbessern und dabei helfen, den Arbeitsprozess zu optimieren und Flaschenhälse gezielt anzugehen. Darüber hinaus kann durch geeignete Abstimmungstermine ein gemeinsames Bild über die Werthaftigkeit der nächsten Arbeitspakete gesprochen werden, um das System und die Mitarbeiter nicht mit Aufgaben zu beschäftigen, sondern vor allem wertstiftende Arbeit umzusetzen.

Fazit:
Das Pull-Prinzip kann Unternehmen dabei helfen, den Aspekt der Nachhaltigkeit auf verschiedenen Ebenen anzugehen, um dadurch langfristig erfolgreich zu sein. Wie mit diesem Text versucht wurde zu zeigen, ist es für Organisationen wichtig, den Aspekt der Nachhaltigkeit nicht nur auf den Umgang mit natürlichen Ressourcen zu verengen, sondern auch anderen Aspekte in die Betrachtung einzubeziehen. Durch geeignete agile Methoden und Vorgehensmodelle kann der richtige Rahmen geschaffen werden, um das Pull-Prinzip und seine Wirkung nachhaltig zu entfalten.

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